Jan Pfaff    Journalist

     
 













Abstand halten


Viele haben Angst vor Gewalt in S-Bahnen und Bussen. Ein Seminar in Berlin will Menschen helfen, die keine Opfer werden wollen.


DIE ZEIT, 02.11.2006







Wann genau das Gefühl das erste Mal da war, kann sie nicht mehr sagen. Es hat sich langsam in das Leben von Petra Wedler geschlichen. Dieses unangenehme Gefühl, wenn sie auf den Bus oder die U-Bahn wartet. »Das Wort Angst wäre zu stark, aber die alltäglichen Pöbeleien machen mir zu schaffen«, sagt sie.

Petra Wedler pendelt zwischen Charlottenburg und Zehlendorf, zwei bürgerlichen Stadtvierteln Berlins, keine Problembezirke. Passiert ist der 53-jährigen Sozialarbeiterin noch nie etwas – und dennoch: Oft sitzt sie mit diesem unangenehmen Gefühl im Oberdeck des Doppeldeckerbusses und denkt, eigentlich müsste man etwas tun. Wenn Jugendliche wieder einmal den Walkman so laut stellen, dass man es fünf Reihen weiter hört, wenn sie Schimpfwörter durch den Bus brüllen oder ältere Menschen anpöbeln. »In solchen Situationen komme ich mir oft hilflos vor«, sagt Petra Wedler. »Und ich fühle mich feige, weil ich nichts sage.«

Mit amerikanischen Ghettos oder französischen Banlieus sind deutsche Großstädte nicht vergleichbar. Die Kriminalstatistiker sagen, die Gewalt steige nicht. Die Wahrnehmung vieler Menschen ist dennoch ein andere. Sie haben Angst, abends allein mit der S-Bahn zu fahren oder eine dunkle Straße entlangzugehen. Es ist ihnen etwas abhanden gekommen. Die Gewissheit, sich angstfrei im öffentlichen Raum bewegen zu können.

Saal 200 im Berliner Landeskriminalamt. Ein lang gestreckter Raum, die Stühle sind in engen Reihen aufgestellt. Der Saal ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. »Umgang mit Aggression und Gewalt im öffentlichen Raum« heißt die Veranstaltung der Berliner Polizei, zu der über 40 Bürger gekommen sind. Studentenpärchen und Schülercliquen, Lehrerinnen und Geschäftsmänner, Senioren. Seit 1992 gibt es die Präventionsseminare in Berlin, in allen Bundesländern bietet die Polizei sie an.

Mehr Menschen als sonst rufen bei der Berliner Polizei zurzeit an und erkundigen sich nach Anti-Gewalt-Seminaren. In der Hauptstadt machen immer wieder Gewalttaten Schlagzeilen, die aus völlig alltäglichen Situationen heraus eskalierten: In Neukölln bittet ein 18-Jähriger im Bus eine Jugendgang, ihre Musik leiser zu stellen. Die pöbeln zurück, steigen dann aus dem Bus aus. Auf der Straße stehen sie kurz danach wieder vor dem jungen Mann. Ein Gangmitglied rammt ihm ein Messer in den Oberschenkel, das Opfer verblutet beinah. Einen Tag später stirbt in Kreuzberg ein Mann nach Messerstichen. Die tatverdächtigen Jugendlichen wollten vom Opfer zunächst offenbar nur eine Zigarette.

Der Kriminalbeamte Werner Mattausch will diese Fälle nicht verharmlosen, aber er versucht zu Beginn seines Seminars auch zu beruhigen: »Die Gewalt stagniert.« Heute sei die Sensibilität für Gewalttaten höher, deshalb würden Körperverletzungen häufiger angezeigt, und die Medien berichteten über die Einzelfälle ausführlicher. Es gebe aber keinen Grund, Angst zu haben, sagt Mattausch. Seit zwei Jahren leitet er die Präventionsseminare, seine Erfahrung: »Die meisten Menschen wollen anderen helfen – selbst in der anonymen Großstadt.«

Auf eine grüne Schultafel malt Mattausch mit Kreide eine Spirale, die von links unten nach rechts oben läuft. »Wenn wir rechts oben angekommen sind, können wir fast nichts mehr tun, dann explodiert die Gewalt«, erklärt er. »Aber je früher wir ansetzen, desto besser können wir aus der Situation noch rauskommen.« Doch was ist das richtige Verhalten? »Dafür gibt es kein Patentrezept«, sagt er. »Das hängt ganz von der Situation ab.«

Er heftet eine Kette mit Pappschildern an die Tafel. »Das ist unsere Prinzipienkette.« Es sind Ratschläge für den Ernstfall. Auf den Schildern steht: Der ersten Wahrnehmung vertrauen, Abstand halten, den Täter nicht provozieren, sich entziehen, Öffentlichkeit herstellen.

Claudia Lehmer sitzt in einer der hinteren Stuhlreihen, hört zu. Sie sieht skeptisch aus, sie kennt diese Tipps. Und sie kennt den Ernstfall – die Situation des völligen Ausgeliefertseins, und diese Starre, die jedes Handeln blockieren kann.

Die rettende S-Bahn fährt ein – aber das Opfer ist unfähig einzusteigen

Die Tochter im Kinderwagen, den damals fünfjährigen Sohn an ihrer Hand, wartet sie am S-Bahnhof auf den Zug. Auf dem Bahnsteig stehen noch fünf junge Türken – sonst ist niemand zu sehen. Die Gruppe kommt langsam näher. Claudia Lehmer hört, wie die Männer laut über sie sprechen. Sie merkt, wie Blicke an ihrem Körper heruntergleiten. »Geile Mutter, die nehmen wir jetzt durch«, tönt einer. »Vor meinen Kindern haben die damit gedroht, mich zu vergewaltigen«, sagt sie. Wenn sie daran zurückdenkt, wird ihr auch heute, sieben Jahre später, noch übel.

Die fünf Männer kreisen sie ein. Hände greifen nach ihr, betatschen sie an der Schulter, am Rücken. Sie ist erstarrt. Ihr kleiner Sohn beginnt zu weinen. Ein S-Bahn-Zug fährt ein. Claudia Lehmer macht keinen Versuch einzusteigen. Die S-Bahn-Türen schließen sich wieder. »Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum ich stehen geblieben bin. Ich konnte einfach nicht mehr klar denken.« Ein paar Meter weiter sieht sie schließlich einen Mann auf dem Bahnsteig. Sie ruft zu ihm hinüber: »Ich habe Angst. Ich werde bedrängt – bitte helfen Sie mir.« Wie in Trance registriert sie, dass der Mann zu ihr kommt, ganz ruhig die Hand ihres Sohns nimmt und zu ihr sagt: »Komm, wir gehen.« Die Jungen folgen ihnen ein Stück, bilden vor dem Bahnhofsausgang ein Spalier, durch das sie hindurchgehen müssen. Schließlich bleibt die Gang zurück.

Es ist vorbei und doch nicht vorbei. Die Wochen danach sind schrecklich. Claudia Lehmer hat Angstzustände, ihr Sohn beginnt immer wieder ohne Grund zu weinen. Sie geht lange nicht mal in die Nähe eines S-Bahnhofs. Seitdem habe sie einen Knacks, sagt sie: »Früher war ich nicht schreckhaft. Heute muss ich mich sofort umdrehen, wenn ich Schritte hinter mir höre.« Sie fährt nicht mehr S-Bahn, nimmt nur noch das Auto.

Mit seinem Seminar will Mattausch dagegen kämpfen, dass sich Menschen nicht mehr in den öffentlichen Raum trauen. »Es hat wenig Sinn, immer nur zu sagen, ich kann doch sowieso nichts tun«, sagt er. »Ein Täter sucht immer ein Opfer und keinen Gegner«, lautet einer seiner Lehrsätze. Man müsse selbstbewusst auftreten, ohne zu provozieren. »Von beherztem Dazwischengehen in Konfliktsituationen raten wir allerdings ab.« Wer helfen wolle, solle nicht den Täter attackieren, sondern das Opfer aus der Gefahr herausziehen. Den Bedrängten etwa auffordern, sich zu einem hinüberzusetzen.

Ein Teilnehmer geht immer schnell, bleibt nie unnötig stehen

»Teilweise wirklichkeitsfremd« findet Thomas Krüger die Vorschläge. Seine Erfahrungen sind anders. Der 23-Jährige kann sich noch erinnern, wie er völlig unbefangen durch die Stadt gegangen ist, ohne Sorgen, ohne Angst. Es ist nicht so lange her.

Im letzten Winter ist er abends um zehn Uhr auf dem Nachhauseweg von seiner Arbeit. Er steigt aus der Straßenbahn aus, als er von hinten angesprochen wird. Er dreht sich um, bekommt eine Faust ins Gesicht. Einfach so. Zweimal, dreimal schlägt der Betrunkene auf ihn ein, bevor er von ihm ablässt. Benommen setzt sich Krüger an die Haltestelle. Er zieht sein Handy aus der Tasche, will die Polizei anrufen. Da kommt der Mann zurück. Mit einem Nagel zwischen den Fingern seiner Faust fuchtelt er vor dem Gesicht seines Opfers herum, droht, ihm damit das Gesicht zu zermatschen. »Man verliert den Glauben an die Menschheit«, sagt Krüger. Der Weg zur Arbeit ist seitdem nicht mehr der gleiche für ihn. Er achtet darauf, schnell zu gehen, sich nirgends unnötig aufzuhalten. In der Tram steigt er jetzt immer in den vorderen Wagen, nahe beim Fahrer. Nachts kommt es vor, dass er aus der S-Bahn aussteigt und für viel Geld ein Taxi nimmt. Er will bald den Führerschein machen.

Drei Stunden sind wenig. Werner Mattausch kann in seinem Seminar viele Fragen nicht beantworten. »Und natürlich gibt es nicht für alle Situationen Lösungen«, sagt er. »Ich wünsche Ihnen dennoch ein gewaltfreies Leben.« Ein Grüppchen steht nach dem Seminar noch um ihn herum, sie diskutieren weiter. »Die Veranstaltung hat doch etwas gebracht?«, fragt Mattausch. Es klingt, als wäre er sich selbst nicht so sicher.


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