Jan Pfaff    Journalist

     
 













Fernost, ganz nah


Am Rande Berlins soll Deutschlands einziges Chinatown entstehen. Es fehlen nur noch die Investoren - und etwa 2000 Chinesen


DIE ZEIT, 26.04.2007



 


Ob das jetzt auch schon wieder an den Chinesen liegt? Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke kann nicht mehr still sitzen. Immer wieder springt der stämmige Mann von seinem Stuhl auf, läuft in seinem großen Büro im Oranienburger Schloss umher und sucht in den Akten nach weiteren Unterlagen, nach Belegen, nach Beweisen, dass es hier um eine ernst zu nehmende Angelegenheit geht. Jetzt zieht er aus einem Papierstapel ein Wirtschaftsmagazin hervor: Schwerpunkt China! Laesicke schlägt es auf, blättert, sucht und präsentiert dann Statistikkurven, die alle steil nach oben streben. »Der chinesische Aufschwung ist so gewaltig, damit muss auch ich als Kommunalpolitiker mich beschäftigen«, sagt er.

Lange Zeit hat Bürgermeister Laesicke, ein Sozialdemokrat, nur in der Zeitung von der Globalisierung gelesen, an seinem Städtchen Oranienburg schien sie stets vorbeizurauschen – wie die Lastwagen, die auf der Bundesstraße von Berlin nach Stralsund an die Ostsee donnern und wieder zurück. Oranienburg ist die nördliche Endstation der Berliner S-Bahn, Kleinstadt neben der Hauptstadt, knapp 41.000 Einwohner. Die Arbeitslosenquote liegt bei 14 Prozent, der Stadt geht es nicht ganz schlecht, aber auch nicht richtig gut, denn die meisten der wenigen Unternehmen, die nach der Wende nach Brandenburg kamen, haben sich südlich von Berlin angesiedelt. So war das bislang mit der Wirtschaft und der Globalisierung, man hat es nicht in der Hand.

Aber jetzt hat Bürgermeister Laesicke einen Plan für den Aufschwung. Er will chinesische Dynamik nach Oranienburg holen. Bisher ist ja immer alles von Deutschland nach Fernost verschwunden – Ideen, Jobs, Manager mit Karriereambitionen, sogar ganze Fabriken wurden verschifft. Laesicke will das nun drehen. Er will ein Stück China in die brandenburgische Provinz holen. Er will ein neues Stadtviertel: Chinatown Oranienburg.

Die Vorstellung mag absurd klingen, aber man meint es ernst damit in Brandenburg. Vorige Woche hat der Bauausschuss – mit sieben zu zwei Stimmen bei einer Enthaltung, sagt der Bürgermeister – für die »Aufstellung eines Bebauungsplans einer chinesischen Stadt« gestimmt. Auf einem brachliegenden Areal an der B 96, auf einem ehemaligen Flugplatz der Sowjetarmee, soll ein Stadtviertel mit chinesischen Häusern, Tempeln und Parks entstehen. 2000 Menschen sollen dort leben – und zwar Chinesen, die in Restaurants, kleinen Läden, Heilkundepraxen oder im Kulturzentrum arbeiten könnten. Auch für die Oranienburger sollen Jobs entstehen, darum geht es ja eigentlich. Endlich eine Art Chinaboom außerhalb Chinas, das ist wohl die Idee. Mit an die 2000 Arbeitsplätzen rechnen optimistische Prognosen. Laesicke sieht bereits Berliner Touristenmassen auf dem Weg nach Chinatown: »Dann müssen wir natürlich die S-Bahn-Linie bis zu unserem neuen Stadtteil verlängern.«

Der Besucher soll durch ein imposantes Stadttor eintreten

Am Anfang sei er durchaus skeptisch gewesen, sagt Laesicke. 53 Jahre ist er alt, nach der Wende trat er in die SPD ein. »Ich bin 1989 in die Kommunalpolitik gegangen, und seitdem habe ich viele Leute mit großen Versprechungen kommen und gehen sehen.« Irgendwie wurde letzten Endes aus allem immer ein Baumarkt – das ist Laesickes Resümee. Brandenburg hatte tatsächlich Pech mit Großprojekten, wie mit der CargoLifter-Halle, in der erst Luftschiffe gebaut werden sollten und wo später eine Kunstkaribik eingerichtet wurde, die auch nicht blendend läuft. Am Ende war aus Großprojekten immer ein Großproblem geworden.

Dieses Mal wird es anders, davon ist der Bürgermeister überzeugt. Laesicke tippt auf einen dicken Plastikordner. »Die Pläne sind wirklich gut.« Mit einem Baumarkt ist es jedenfalls nicht zu vergleichen, was die Brandenburg-China-Projekt Management GmbH vorschlägt, die bislang aus vier Mitarbeitern und kaum Kapital besteht. Auf 40 Seiten wird die Vision einer am Reißbrett geplanten chinesischen Stadt ausgemalt. Straßen, Plätze und Prunkbauten sind detailliert eingezeichnet. Knapp 80 Hektar sollen bebaut werden. Für Brandenburg noch ein Großprojekt, für chinesische Verhältnisse äußerst bescheiden. Südwestlich von Shanghai baut der deutsche Architekt Meinhard von Gerkan gerade die Planstadt Luchao – auf 65 Quadratkilometer Fläche. Thames Town, eine 10.000-Einwohner-Stadt im altenglischen Stil mitsamt Kathedrale und Pub, ist bereits fertig. Im Bau befinden sich noch Kopien von Venedig, Barcelona und eine »Nordic Town«. Auch eine deutsche Siedlung gibt es schon – Anting, inklusive Mülltrennung und einem Brunnen mit Goethe-und-Schiller-Denkmal.

Jetzt dreht Oranienburg die Sache um. Es sieht so aus, als würden die Europäer beginnen, die Chinesen beim Kopieren zu kopieren, unbewusst zumindest. Nach Jahren des Jammerns und Zauderns endlich think big! Endlich ist Städtebau wieder seinen Namen wert. Ein Ruck geht durch Deutschland, durch Laesickes Büro.

Chinatown Oranienburg soll der Besucher durch ein imposantes Stadttor betreten. In der Vorstadt schreitet er an Reihen kleiner Gebäude vorbei, die den alten Häusern der Unesco-Weltkulturerbestädte Pingyao und Lijiang nachempfunden sind. Er passiert einen Rikscha-Stand und ein zweites Tor. Nach einem Park zu seiner Linken betritt er den Marktplatz, wo sich vor ihm die Verbotene Stadt aufbaut, eine Miniatur der kaiserlichen Residenz in Peking. Fernost kompakt, best of China. Hat der Besucher den Palast besichtigt, schlendert er durch enge Altstadtgassen – die sogenannten Hutongs mit zweistöckigen Wohn- und Geschäftshäusern. Der Witz ist, dass die Oranienburger damit etwas aufbauen würden, was die Chinesen gerade abreißen, um in ihren Städten Platz für Hochhäuser zu schaffen. Es scheint, als baue die Welt gerade das nach, was sie für typisch hält, wenn sie ans jeweils andere Ende denkt. Bayern in China, China in Brandenburg – vielleicht ist das ein ganz neuer Ansatz zur Völkerverständigung.

Neben dem Baurecht will auch das Feng-Shui beachtet werden

Die Pläne sehen vor, dass die chinesische Retrowelt von einer fünf Meter hohen Stadtmauer umschlossen wird. »Bei der Mauer mit ihren Türmen bin ich zuerst zusammengezuckt«, sagt Laesicke. Als Ostdeutscher hat er keine gute Erinnerung an Mauern und Wachttürme. Bislang ist es nie gut ausgegangen, wenn Deutsche Mauern und Zäune gezogen haben. Nun wieder eine Mauer, eine gut gemeinte natürlich, doch dahinter ein Ghetto mit 2000 Chinesen? Der Bürgermeister sagt, vor einem Jahr hätten ihn zwei Geschäftsmänner aus der nordchinesischen Industriestadt Harbin besucht, mögliche Investoren, die sich über das Oranienburger Projekt informieren wollten. Sie versicherten ihm, dass ein Chinese nichts Negatives mit einer Mauer verbinde. Außerdem könnte diese hervorragend den Lärm der angrenzenden Schnellstraße dämmen.

Laesicke kramt ein Foto hervor, auf dem er vor dem Oranienburger Schloss neben zwei Chinesen steht. Männer in dunklen Anzügen lächeln in die Frühlingssonne. Bei dem Besuch konnte der Bürgermeister schon einmal üben, was seiner Stadt und deren Bewohnern noch bevorstünde: ein Crashkurs in interkultureller Kompetenz. So lernte Laesicke, dass bei der Auswahl eines Baugrundstücks nicht nur die Verkehrsanbindung zu beachten ist. Die Chinesen lobten seine Brache auch, weil an ihrer Ostseite das Wasser eines Kanals in die richtige Richtung fließe. Das sei wichtig für die Harmonie der Bauten nach den Regeln des Feng-Shui. Was für ein Glück. Laesicke merkte an, dass auf jeden Fall aber auch die Regeln des deutschen Baurechts beachtet werden müssten.

»Alles keine unüberbrückbaren Probleme«, sagt Laesicke. Und mögliche Integrationsprobleme? Brandenburg ist in den Nachrichten nicht unbedingt durch Weltoffenheit berühmt geworden. In Oranienburg lebten doch jetzt schon Menschen aus mehr als 60 Nationen, sagt der Bürgermeister. Zwar nur 21 Chinesen, räumt er ein, aber 1500 Russlanddeutsche aufzunehmen, das habe man schließlich auch geschafft. Seine Stadt sei weltoffen.

Ein Bürgermeister muss so reden, und womöglich tut er es zu Recht. Nur wo ein guter Wille ist, ist auch ein Weg. Warum also nicht groß denken, damit am Ende mehr als etwas Kleines daraus wird? Ist all der Spott, der derzeit auf Oranienburg niedergeht, nicht genau jene deutsche Verzagtheit, über die zuletzt ebenso gespöttelt wurde?

In der Tat ist Oranienburg schon jetzt eine Art Neugründung, wenn auch eine alte. Der Ort hieß früher mal Bötzow und wurde im Dreißigjährigen Krieg geplündert und niedergebrannt. 1650 schenkte der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm seiner Frau Louise Henriette von Oranien den Flecken, zwei Jahre später wurde standesgemäß ein Schloss im holländischen Stil errichtet, das den Namen Oranienburg erhielt. Mit Hilfe von niederländischen Fachleuten wurden in den folgenden Jahren Musterwirtschaften nach holländischem Vorbild angelegt.

Warum jetzt nicht China?

Chinatowns kennen Deutsche bislang nur von Besuchen in europäischen und vor allem amerikanischen Metropolen. In Paris, London, New York oder San Francisco sind es Innenstadtviertel, in denen sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts Chinesen angesiedelt haben. Auch in Hamburg gab es in den zwanziger Jahren ein kleines Chinatown. Ehemalige Matrosen aus Fernost hatten sich in einigen Straßen des Hafenviertels St. Pauli niedergelassen. Sie betrieben Wäschereien, Restaurants, Gemüseläden. Von den Fremden fasziniert, schrieb der Lokalschriftsteller Ludwig Jürgens 1930: »Jedes Kellerloch hat über oder neben dem Eingang seine seltsamen Schriftzeichen. Die Fenster sind dicht verhängt, über schmale Lichtritzen huschen Schatten, alles trägt den Schleier eines großen Geheimnisses.«

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten bedeutete das Ende für das deutsche Chinatown. Die meisten Chinesen verließen Deutschland, 1944 verhaftete die Gestapo die Übrigen und deportierte sie in ein Arbeitslager. Nach Kriegsende blieben nur wenige in Deutschland. Heute leben wieder mehr als 10000 Chinesen in Hamburg, in Deutschland die größte Community, 400 chinesische Unternehmen sind dort angesiedelt. Zurzeit plant Hamburg eine China-City in Hafennähe, die dem Ausbau der traditionell guten Handelsbeziehungen dienen, zugleich aber auch – wie in Oranienburg – Touristen anlocken soll.

Übersichtlich, sauber, ökologisch, ein Chinatown auf Deutsch

Der Mann, der in Oranienburg Chinatown bauen will, heißt Stefan Kunigam. Er ist ein kleiner, quirliger Mann mit Brille und grauem Bart. Er sagt, ihm sei die Idee auf einer Brandenburger Autobahn gekommen, auf dem Weg zur Arbeit, als das Fernweh nach China an ihm nagte. »Da dachte ich, warum nicht einfach ein Stück China herholen?«

Kunigam spricht von dem Glück, mehrmals China bereist zu haben. Er ist 54 Jahre alt und Geschäftsführer der Brandenburg-China-Projekt Management GmbH. Bis zum Fall der Mauer war Kunigam Bauleiter im Tiefbaukombinat in Frankfurt an der Oder, nach der Wende gründete er dort ein Ingenieurbüro, das 14 Mitarbeiter hat. Sein Büro ist spezialisiert auf Wasser- und Abfallwirtschaft. Er sagt: »Wir bauen alles, was man später nicht mehr sieht, weil es unter der Erde ist.« Jetzt will er hoch hinaus. Kunigam ist erfolgreich, auch wenn sein größtes Projekt die Erschließung des Geländes jener Chipfabrik in Frankfurt/Oder war, die niemals gebaut wurde.

Im Jahr 2000 kam Kunigam das erste Mal nach Peking, auf Einladung der Bundesregierung nahm er an einer Umweltkonferenz teil. Er war sofort fasziniert. In einem abgelegenen Viertel Pekings ging er allein essen, die Menschen scharten sich um ihn. Er war dort etwas Besonderes, es hat ihm gefallen. »Ich habe nur positive Erfahrungen in China gemacht«, sagt Kunigam.

Die Baupläne an der Wand seines Büros entsprechen Kunigams idealisiertem Chinabild: übersichtlich, sauber, den deutschen Umweltauflagen entsprechend – so stellt er sich Chinatown Oranienburg vor. Die Schattenseiten des modernen Chinas kommen in den Erzählungen des Ingenieurs nicht vor: keine 16-Stunden-Schichten in der Fabrik, keine kollabierende Umwelt. Chinatown Oranienburg ist sein mit Abstand größtes Projekt. Es gebe Kontakte zu mehreren chinesischen Investoren, die gern das 500-Millionen-Euro-Vorhaben finanzieren wollten, sagt Kunigam, »aber in diesem Stadium kann ich natürlich noch keine Namen nennen«. Und leider müsse er seinen potenziellen Partnern immer erklären, dass ein Genehmigungsverfahren in Deutschland mehrere Jahre dauern könne. »Die fragen oft, warum das so lange dauert.« Wenn alles nach Plan verliefe, könnte aber von Herbst 2008 an gebaut werden.

Woher später die Bewohner des neuen Stadtteils kommen sollen, warum 2000 Chinesen nach Oranienburg ziehen sollten – auf diese Fragen reagiert Kunigam ausweichend. Er sagt, man solle Chinatown nicht schon im Vorfeld zerreden. Wie der Ort konkret mit Leben gefüllt werden soll, das sei momentan noch offen. Von kleinen Läden mit Kalligrafie und Seidenstickerei bis zur interkulturellen Managementschule reichten die Möglichkeiten, sagt Kunigam. Chinatown solle ein offener Ort werden, auf keinen Fall ein Ghetto. »Keiner meint, dass dort wirklich 2000 Chinesen einziehen müssen. Auch interessierte Deutsche können sich eine Wohnung kaufen«, sagt Kunigam. Allerdings, fügt er später hinzu, einige Chinesen sollte man auf den Straßen schon sehen, sonst funktioniere das Ganze nicht.

Nur wie? Osten und Zuwanderung, das ging zuletzt nicht mehr zusammen. Als Oranienburg noch DDR war, war das einfach, es gab damals Tausende vietnamesische Vertragsarbeiter. Jetzt also Vertragschinesen? Es muss doch hinzukriegen sein. Mit den Mitteln der Politik, mit den Mitteln des Marktes. Vielleicht eine Mischung aus Planwirtschaft und Turbokapitalismus – ist doch sowieso gerade alles eins in China, warum nicht auch in Oranienburg?

Im Südcenter Oranienburg liegt das Chinarestaurant Zhang versteckt über einem Supermarkt, nebenan hat ein Versicherungsmakler sein Büro. Der Kellner Jiade Chang hat an diesem Wochentag eine ruhige Mittagsschicht, von den knapp 30 Tischen sind zwei besetzt, ein Seniorenpärchen und eine Gruppe Frauen in der Mittagspause. Chang steht neben der Theke. Bei den Chinatown-Plänen sei er skeptisch, sagt er.

Chang ist 33 Jahre alt. Als er sieben war, zogen seine Eltern mit ihm aus Südchina nach Berlin. Dort besuchte er eine deutsche Gesamtschule. Zum Arbeiten pendelt er heute täglich nach Oranienburg, denn er wohnt in Berlin – seiner Familie wegen, sagt er, und auch weil es in Oranienburg nicht viel gebe. Später in Chinatown zu arbeiten, könne er sich vorstellen, sagt Chang. »Wenn es denn gebaut wird.« Dorthin ziehen würde er selbst dann aber nicht. »Chinesen gehen dorthin, wo Jobs sind, und was sollten sie in Oranienburg alle machen?« Dazu fehlt sogar dem Chinesen Chang die Fantasie. Vielleicht ist er aber auch schon zu deutsch geworden.

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