Jan Pfaff    Journalist

     
 













Ihre besten Jahre


Die Sängerin Carla Bruni war früher Model. Ein Gespräch über das Älterwerden in der Mode- und Musikbranche


DIE ZEIT, 28.12.2006







Mit ihrer heiseren Stimme und selbst geschriebenen Chansons ist Carla Bruni vor drei Jahren ein Überraschungserfolg gelungen. Millionenfach verkaufte sich ihr erstes Album Quelqu'un m'a dit. Dabei hatte der Italienerin, die seit ihrer Kindheit in Paris lebt, kaum jemand eine zweite Karriere als Musikerin zugetraut.

In den neunziger Jahren gehörte »la Carla«, wie man sie in Frankreich nennt, zu den am
besten bezahlten Frauen auf den Laufstegen. Es war die große Zeit der Supermodels, und Carla Bruni war eines dieser Fabelwesen. »Ich mochte die Modewelt«, sagt sie. »Die Leute
dort sind sehr ehrlich. Alle geben zu, dass es nur um das Äußere geht.«

Aber das Leben als Model ist kurz. Nach ihrem 30. Geburtstag rief ihr Agent immer seltener an. Sie beschloss, etwas Neues auszuprobieren. »Obwohl mich viele kannten, war es am Anfang schwer«, erzählt sie. »Ein singendes Model mit Gitarre da schütteln viele Musikproduzenten nur mit dem Kopf.« Gerade deshalb bedeute ihr der Erfolg, den sie mit ihrer Musik habe, so viel. »Ich war früher nur Objekt, jetzt bin ich Subjekt.« Als Model
habe sie nie jemand nach ihren Gedanken und Gefühlen gefragt. Das sei jetzt anders.

Nun stellt sie in Berlin ihr zweites Album vor, das am 12. Januar erscheinen wird. No Promises heißt es englische Songs also statt französischer Chansons. Und keine selbst geschriebenen Texte diesmal, sondern Gedichte von William Butler Yeats, Emily Dickinson, Dorothy Parker. Allein die Auswahl der Gedichte spricht für den Willen zur Hochkultur.

»Ich wollte nicht das Gleiche noch einmal machen und versuchte, auf Englisch zu schreiben«, sagt sie. Aber es ging nicht voran, der Erfolg des ersten Albums blockierte sie. Zur Inspiration kaufte sie sich Gedichtbände. »Als ich einige Gedichte laut las, wusste ich
sofort, das sind Texte für meine Songs.« Schließlich könne man sich in Gedichte genauso
verlieben wie in Romane, Filme oder Menschen.

Ihr neues Album ähnelt seinem Vorgänger sehr. Manchmal ein E-Gitarren-Solo, etwas mehr
Rhythmus aber dennoch hat es diesen typischen Bruni-Sound. »Ich habe darauf geachtet, dass die Musik wieder genauso schlicht und einfach wirkt«, sagt sie. Die Songs haben keine Kanten, keine Widerhaken, aber alle durchzieht eine feine Melancholie. Von der
Vergänglichkeit der Jugend, der Liebe, des Lebens erzählen sie.

Warum diese Fixierung auf eine melancholische Grundstimmung? »Das ist doch ein Gefühl,
das jeder Mensch kennt«, sagt Bruni. Dazu müsse man nicht in Paris leben, starke
Zigaretten rauchen und immer mit traurigem Blick im Café sitzen. »Melancholisch zu sein
bedeutet einfach, anzuerkennen, dass alles vergeht.« Die Gedichte von Dorothy Parker, die
Carla Bruni für ihr Album ausgewählt hat, erzählen von der Furcht einer Frau vor dem
Älterwerden.

Sind das Gedanken, die sie jetzt mit 38 beschäftigen? Carla Bruni streicht eine Haarsträhne zur Seite, präsentiert ihr makelloses Gesicht. »Frauen, die das Altern nicht akzeptieren können, finde ich nicht sehr attraktiv eher armselig«, sagt sie. »Ich will attraktiv bleiben, also muss ich mich dem Älterwerden stellen.« Dann lächelt sie und sagt, dass ihr Musik eine wunderbare Möglichkeit biete, attraktiv zu bleiben.

Übersicht