Jan Pfaff   


Journalist

     




"Keine Politik ohne Raum"



Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel über Wladimir Putins Choreografien, russische Ressentiments und die unklare Haltung der deutschen Politik zu alldem


taz am wochenende, 20.02.2022







taz am wochenende: Herr Schlögel, was war Ihr Eindruck von Olaf Scholz’ Moskau-Besuch am Dienstag?

Karl Schlögel: Ich war gespannt. Die russische Seite hatte wieder mal eine große Choreografie entwickelt. In diesem schwierigen Rahmen hat Olaf Scholz eine ganz gute Figur gemacht.

Was meinen Sie mit „großer Choreografie“?

Nicht nur die Bilder des langen Tischs. An dem Tag des Besuchs gab es mehrere Nachrichten, die nicht zufällig kamen. Da war die Meldung vom angeblichen oder wirklichen Teilrückzug bestimmter Militärkräfte von der ukrainischen Grenze. Gleichzeitig verabschiedet die Duma einen Beschluss, die Gebiete in der Ostukraine mit den separatistischen Aufständen als eigene Staaten anzuerkennen – und so ihre Abtrennung von der Ukraine einzuleiten.

Das ist das Gegenteil von Entspannung.

Wladimir Putins Sprecher Dimitri Peskow kommentierte den Beschluss mit den Worten, dieser bringe den Willen des russischen Volkes zum Ausdruck. Es ist natürlich Teil der psychologischen Kriegsführung, zu signalisieren, dass man jetzt bereit ist, diesen Schritt zu gehen. Und es gehört ebenfalls zur Choreo­grafie, dass der Beschluss nun bei Putin liegt und er am Ende entscheidet. Damit wird seine ungeheure Macht demonstriert: Wird der Beschluss der Duma zur Staatspolitik – oder ist der Präsident so großzügig, das abzuwehren und so der Diplo­matie noch eine Chance zu geben?

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